Belladonna

 

Mein süßes Lämmchen hatte ihr Vater zu ihr gesagt, damals, als sie noch auf allen Vieren hätte unter einem Schaf hindurchkriechen können. Doch wenig später, kaum in der Lage, über den Rücken eines Schafes zu blicken, war sie schon ein kleines dummes Schäfchen. Und dann, als sie nicht mehr lammfromm war, als sie bockig wurde, verzichtete er immer öfter auf das chen; sie wurde zum dummen Schaf. Sie wurde ein Streithammel, sie wurde das schwarze Schaf der Familie. Er drohte ihr, sie an den Hammelbeinen zu kriegen oder ihr selbige langzuziehen. Ihre Freunde bezeichnete er als Hammelherde, ihre beste Freundin habe ein Schafsgesicht, ihre Lieblingslehrerin ein Schafshirn. In den ersten scheuen Verehrern erkannte er den Blödhammel oder den geilen Bock. Ihre Lammsgeduld war schließlich erschöpft, als er ihre große Liebe mit Wolf im Schafspelz titulierte, der seine Tochter wie ein Schaf zur Schlachtbank führen und mit ihr gewissenlose Schäferstündchen verbringen wolle. Er solle doch erst mal seine Schäfchen ins Trockne bringen, bevor er ...

 

Die Schafsbinde* wuchs gleich am Waldrand, nur wenige Schritte hinter dem Haus. Sie konnte sie von ihrem Fenster aus sehen, diese kleinen, schwarzen Beeren, die verführerisch in der Augustsonne glänzten. Sie zog sich trotz der Hitze ein langärmeliges T-Shirt an und kramte aus der untersten Schublade ihrer Kommode die Lederhandschuhe hervor. …