Kreuzungen

 

Da war das Kreuz. Er hatte es tatsächlich gemacht. Natürliche Todesursache. Herzversagen. Sie würde in die Statistik eingehen als eine von etwa eineinhalbtausend Menschen, die in Deutschland pro Jahr eines unnatürlichen natürlichen Todes starben.

 

Es letztendlich zu tun, war gar nicht so schwer gewesen und die Trauer hielt sich in Grenzen. Schließlich waren sie insgesamt fünf Mal herbeigeeilt, weil irgendein Arzt, ein Pfleger oder Nachbar der Meinung gewesen war, jetzt sei es soweit. Und jedes Mal waren es mehrere Hundert Auto-, Bahn- oder Flugzeugkilometer gewesen, die hinter ihnen lagen, wenn sie feststellen mussten, dass alles blinder Alarm gewesen und sie schon wieder auf dem Weg der Besserung war.

Sich zu entscheiden - das war schwierig gewesen. Sich gegenseitig davon zu überzeugen, dass sie es wohl selbst so gewollt hätte, wenn sie ihrem Willen noch hätte Ausdruck verleihen können. Sich immer wieder daran zu erinnern, dass sie damals, als sie noch klar denken und sprechen konnte, stets gesagt hatte, dass sie niemals so wie einige ihrer Freunde dahinvegetieren und auch nie in ein Pflegeheim wolle. Und sich darin zu bestärken, dass sie ja selbst eine gewisse Mitschuld trage, weil sie es ihnen nicht rechtzeitig verraten hatte. Sie hätte es ihnen sagen müssen, als sie ihre Sinne noch beieinander hatte. Aber nein, sie hatte immer ein großes Geheimnis daraus gemacht – um den Betrag genauso wie um diesen mysteriösen Unbekannten. Ein großes Vermächtnis sei es, das ihr dieser Mann hinterlassen habe, so viel hatte sie verraten, ein sehr großes Vermächtnis.

Den Banken hatte sie nie getraut, das wussten sie. Ihre Rente hatte gerade ausgereicht, das Girokonto ausgeglichen zu halten – Sparbücher hatte es nie gegeben. Doch ein gutes Versteck war wohl nicht so schwer zu finden gewesen; schließlich hatte sie ein ganzes Haus zur Verfügung, ein altes Haus voller Möbel, mit Nischen und Ritzen und Dielenbrettern.