Serenade Capriccio a cappella
Bizarre Abendunterhaltung in mehreren Sätzen

 

Ein wenig traurig war er, als er die Treppe herunterkam, an der Küche vorbei ins Wohnzimmer ging – aber es hatte gut getan, einmal mehr. Er musste aufpassen, dass es nicht zur Sucht ausartete, oder dass sie ihn womöglich eines Tages dabei ertappen würde. Unvorstellbar, dass sie vielleicht doch einmal in sein Zimmer käme, um ihn zu wecken, weil ein wichtiger Telefonanruf oder die Schwiegermutter unerwartet eingetroffen war. Undenkbar, was sie sagen würde, wenn sie ihn so sähe, zusammengekauert auf dem Bett, vor ihm ein Schuhkarton, dem noch der zarte Rest vermischter Duftnoten entstieg, in seinen Händen ein Stück Papier, ein Brief oder doch ein Briefchen, vielleicht ein Foto.

Es war ihm ja selbst peinlich; wie ein vierzehnjähriges Mädchen benahm er sich, er, der die verbleibenden Jahre bis zur Rente nun schon an seinen Fingern abzählen konnte. Doch es half ihm, über diese merkwürdige Phase hinwegzukommen, diese verflixten Wechseljahre, über die niemand sprach, die den Frauen vorbehalten waren, die man sich nicht leisten durfte als Mann.

Ein Wunder ohnehin, dass sie in all den Jahren das Versteck nicht entdeckt hatte. Oder hatte sie die Schachtel gefunden? Hätte sie so viel Vertrauen, so viel Diskretion besessen, den Fund zu ignorieren? Oder hatte sie den Deckel abgenommen? Hätte sie den Deckel wieder schließen und die Schachtel an ihren Platz zurückstellen können? Oder hatte sie die Briefe gelesen? Die Fotos betrachtet? Hätte sie dann schweigen können? Hätte sie nicht die Neugier getrieben? Die Verletzung? Das Misstrauen? Hätte sie nicht wissen wollen, welche der jungen Frauen wann welchen der Briefe geschrieben hatte? Ob das vor oder während ihrer Beziehung, vor oder während der Ehe, vor oder nach der Geburt des Sohnes gewesen sei?

Sein Sohn saß im Wohnzimmer am Flügel, hatte seine Übungen unterbrochen und starrte auf das Foto seiner Freundin, die ihn seit ein paar Monaten aus einem naturfarbenen Holzrahmen heraus bei seinen Klavierstunden beobachtete.

»Was ist los mit dir?«, fragte er in den Rücken seines nun fast schon erwachsenen Jungen. Sein Sohn zuckte kurz zusammen, machte dann den Rücken gerade, streckte seine Arme weit nach vorn und spreizte mehrmals seine begnadeten Finger, ohne das Bild seiner Freundin aus den Augen zu lassen. Dann sagte er mit einem resignierten Unterton: »Ach, ich glaube, ich werde es nie lernen. Ich verstehe so oft nicht, was sie mir sagen will.« ...