In Klausur

Viel Lust hatte sie wieder mal nicht, als sie vor dem Klassenzimmer stand. Besser gesagt, es kotzte sie an. Alles! Die spätpubertierenden, arroganten, besserwisserischen, renitenten Jugendlichen ebenso wie ihre Kollegen und Kolleginnen, letztere vor allem; Klassenarbeiten und Hausaufgabenkontrolle waren ihr genauso zuwider wie Elternabende, Klassenfahrten und Weihnachtsfeiern. Von neumodischem Schnickschnack wie Projekt- und Gruppenarbeit ganz zu schweigen.

Die Tür zum Klassenraum war mal wieder geschlossen, wie fast immer in letzter Zeit. Die Herrschaften wollten auf diese Weise alle, die nicht zur Klassengemeinschaft gehörten, ausschließen; andere Schüler, Lehrer, vor allem aber sie. Und es klang kein Ton heraus auf den Flur, kein Lachen, kein Streit, kein Flüstern.

Sie atmete noch einmal tief ein, hielt die Luft an und öffnete die Tür. Noch mit beiden Füßen auf dem Gang konnte sie nur die beiden vorderen Tische sehen; sie waren leer. Sollten heute so viele Schüler fehlen? In der dritten Stunde? Sie betrat die Klasse mit einem missmutigen »Morgen!«. Nichts. Keine Antwort. Die Klasse war leer; die Tische ebenso wie die Stühle.

Sie sah verwirrt auf ihre Armbanduhr. Hatte sie sich in der Stunde geirrt? Oder im Tag? Hatte die Klasse jetzt vielleicht Sport? Nein. Es war Dienstag, es war die dritte Stunde, und am Dienstag in der dritten Stunde hatte die Klasse Deutsch, und zwar bei ihr.

Sie blickte zur Tafel, dann zum Pult, aber es gab keine Botschaft für sie, keine Erklärung. Hatte die Sekretärin vergessen, sie über einen Unterrichtsausfall zu informieren? Das wäre ja mal wieder typisch für diese ... Na warte! Ließ sie hier aufmarschieren für nichts und wieder nichts. ...